Tag 22 — Von Rummu nach Haapsalu

 

Tag 19 — Tallinn

Nach der gest­ri­gen Gewalt­fahrt von 150 Kilo­me­tern bei Tem­pe­ra­tu­ren über 30 Grad Cel­sius fällt das Auf­ste­hen heute am 19. Tag der Reise etwas schwer. Da wir jedoch nur zwei Tage Auf­ent­halt in Tal­linn zur Ver­fü­gung haben, heißt es trotz der müden Glie­der früh auf­ste­hen zur Stadt­er­kun­dung.

Im Ver­gleich zum letz­ten Auf­ent­halt ein paar Monate vor dem Bei­tritt Est­lands zur Euro­päi­schen Union hat sich das Stadt­bild Tal­linns erheb­lich gewan­delt. Zum einen sind deut­lich mehr Tou­ris­ten in der Stadt als beim letz­ten Besuch im Juli 2003. Zum ande­ren gibt es deut­lich mehr sanierte Gebäude, mehr Geschäfte, erheb­lich bes­sere Stra­ßen und einen zum Teil erheb­lich umge­stal­te­ten öffent­li­chen Raum. Ins­be­son­dere die von den Tou­ris­ten stark fre­quen­tier­ten Räume sind in wei­ten Tei­len umge­stal­tet wor­den. Gab es vor 11 Jah­ren in der Alt­stadt nur eine Hand­voll Cafés und Restau­rants (von denen kei­nes mor­gens um 8 Uhr für ein Früh­stück geöff­net hatte), so ist es der­zeit eine Her­aus­for­de­rung, in einer Straße nicht min­des­tens ein hal­bes Dut­zend die­ser Ein­rich­tun­gen zu sehen.

Videoarbeiten in der Altstadt von Tallinn
Video­ar­bei­ten in der Alt­stadt von Tal­linn

Tag 13 — Abschied von St. Petersburg

Den letz­ten Tag in Sankt Peters­burg möch­ten wir natür­lich so gol­den wie mög­lich gestal­ten. Des­halb fah­ren wir von Peters­burg nach Peter­hof, dem rus­si­schen Ver­sailles, und wer­den mit unse­ren Erwar­tun­gen nicht ent­täuscht.

In mehr­fa­cher Hin­sicht ist die Anlage auch ein Grenz­land. Von Peter I. gegrün­det, ließ ins­be­son­dere die deutsch­stäm­mige Katha­rina die Große die Anlage nach dem Vor­bild fran­zö­si­scher Paläste von euro­päi­schen Archi­tek­ten und Hand­wer­kern aus­bauen. Der Kom­plex reprä­sen­tiert des­halb ist bes­ter Form eine Mischung euro­päi­scher Kul­tu­ren.

ein Bullitt in Peterhof
manch­mal sind die klei­nen Dinge, die Auf­merk­sam­keit erre­gen… 😉

Tag 8 — Von Vyborg nach Primorsk

Da wir uns auf expli­zite Nach­frage bei der Ein­reise für unse­ren Auf­ent­halt in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion regis­trie­ren las­sen müs­sen, möch­ten wir dies vor unse­rer Abfahrt aus Vyborg auch tun. Die nächste Gele­gen­heit für eine Regis­trie­rung wäre erst wie­der in Sankt Peters­burg und dies wäre nach Aus­sage der rus­si­schen Gren­zer zeit­lich zu spät nach der Ein­reise. Also machen wir uns in Vyborg auf die Suche nach der zustän­di­gen Migra­ti­ons­be­hörde. Wer sollte die Adresse die­ser Ein­rich­tung bes­ser ken­nen als die lokale Poli­zei? Diese scheint zumin­dest in die­sem Punkt nicht bes­ser zu sein als ihr Ruf. Die Wache wim­melt uns ab und hat noch nicht ein­mal einen Stift und Papier, damit wir uns zumin­dest die Adresse notie­ren kön­nen, an wel­che wir ver­wie­sen wer­den.

Die Poli­zis­ten vor der Wache sind auch nicht bes­ser infor­miert als die Kol­le­gen im Inne­ren der Dienst­stelle. Zumin­dest haben sie Stift und Papier, so dass wir uns die Adresse auf­schrei­ben kön­nen, zu wel­cher wir mit unse­rem Anlie­gen erneut ver­wie­sen wer­den.

In der loka­len Dienst­stelle der Migra­ti­ons­be­hörde in Vyborg ist der aktu­elle Kon­flikt in der Ukraine voll prä­sent. Vor und ins­be­son­dere in der Behörde drän­gen sich die Men­schen, um an Stem­pel, Geneh­mi­gun­gen oder sons­tige offi­zi­el­len Doku­mente zu gelan­gen. Ent­spre­chend gering ist die Bereit­schaft der Bediens­te­ten, sich mit dem für Vyborg sicher­lich sel­ten vor­kom­men­den Son­der­fall eines Rad­rei­sen­den aus West­eu­ropa zu beschäf­ti­gen. Nach eini­gen frucht­lo­sen Anläu­fen einen Ansprech­part­ner zu fin­den und aus die­sem die rele­van­ten Infor­ma­tio­nen für den Regis­trie­rungs­pro­zeß zu extra­hie­ren, gehen wir zum Dienst­stel­len­lei­ter. Der hat zufäl­lig Sprech­stunde und des­halb ein paar Minu­ten für uns Zeit. Ergeb­nis des Gesprä­ches: Wir kön­nen ohne Regis­trie­rung wei­ter­fah­ren, da eine sol­che erst nach einem Auf­ent­halt von mehr als 7 Werk­ta­gen der Migra­ti­ons­be­hörde an einem Ort ver­langt wird. Da wir nicht vor­ha­ben an einem Ort län­ger als 7 Werk­tage + die dazwi­schen­lie­gen­den Wochen­en­den zu blei­ben, neh­men wir den Dienst­stel­len­lei­ter beim Wort und ver­ab­schie­den uns ohne Regis­trie­rung aus Vyborg.

Auf­grund der mit dem Regis­trie­rungs­ge­ha­dere ver­bun­de­nen Zeit­ver­lust schaf­fen wir lei­der unser Tages­soll nicht und über­nach­ten am Strand in Pri­morsk.

Tag 7 — Vyborg

Die Straße von Nui­ja­maa nach Vyborg ist in schlech­ter Ver­fas­sung. Des­halb ist erst auf den wesent­lich bes­se­ren Stra­ßen­ober­flä­chen in Vyborg zu bemer­ken, dass das Las­ten­rad wäh­rend der Fahrt unre­gel­mä­ßig abge­bremst wird. Ver­zo­gene Lauf­rä­der kön­nen auf­grund der Unre­gel­mä­ßig­keit als Ursa­che für die spo­ra­di­sche Ver­zö­ge­rung das Rades aus­ge­schlos­sen wer­den. Hät­ten die Lauf­rä­der einen Defekt, so wäre die­ser regel­mä­ßig spür­bar. Nach inten­si­ver Inspek­tion stellt sich her­aus, dass sich die Schrau­ben der hin­te­ren Schei­ben­bremse nahezu voll­stän­dig gelöst haben und in Abhän­gig­keit von der ver­ti­ka­len Aus­rich­tung des Fahr­ra­des an der exter­nen Schalt­steue­rung des Roh­loff-Getrie­bes scheu­ern. Wird das Rad in der Bewe­gung nach links gekippt, rut­schen die Schrau­ben aus ihrer Auf­nah­me­boh­rung und sto­ßen dann an das Gehäuse der Schalt­an­steue­rung. In Abhän­gig­keit davon wie weit die Schrau­ben aus der Auf­nahme rut­schen ist der Schleif­wi­der­stand der Schrau­ben­köpfe am Gehäuse der Schalt­an­steue­rung mal mehr mal weni­ger stark spür­bar. In der Kon­se­quenz heisst der Umstand der gelös­ten Schrau­ben, dass ent­we­der die Dreh­mo­men­tan­ga­ben von Roh­loff falsch sind oder mein Dreh­mo­ment­schlüs­sel nicht kor­rekt arbei­tet. Einen Feh­ler mit falsch ein­ge­stell­tem Dreh­mo­ment beim Fest­zie­hen der Schrau­ben kann ich aus­schlie­ßen, da ich alle Schrau­ben am Rad vor der Abreise noch ein­mal mit den jeweils ent­spre­chen­den maxi­ma­len Wer­ten über­prüft habe.

Wir kön­nen uns glück­lich schät­zen, die­sen Umstand recht­zei­tig bemerkt zu haben. Denn es wäre nur eine Frage der Zeit gewe­sen, bis eine der vier Schrau­ben sich so weit aus ihrer Auf­nahme gelöst hätte, bis sie durch das Gehäuse der exter­nen Schalt­an­steue­rung voll­stän­dig blo­ckiert wor­den wäre. Das Ergeb­nis wäre ein abrup­ter Stop des Hin­ter­rads gewe­sen. Je nach Rota­ti­ons­ge­schwin­dig­keit des Rades in die­sem Moment, hätte es unter Umstän­den nicht nur die ein­zelne Schraube aus ihrer Boh­rung geris­sen, son­dern even­tu­ell die Brems­scheibe, die Schalt­an­steue­rung sowie viel­leicht auch den Flansch der Roh­loff-Getrieb­nabe beschä­digt. Ein sol­cher Scha­den hätte an die­sem Ort mit hoher Wahr­schein­lich­keit das Ende des Pro­jek­tes bedeu­tet, zumin­dest aber eine mehr­tä­gige War­te­zeit auf Ersatz­teile und eine Repa­ra­tur nach sich gezo­gen.

Auf­grund der zeit­auf­wen­di­gen Feh­ler­su­che müs­sen wir die Stadt­er­kun­dung auf den nächs­ten Tag ver­schie­ben. Als Aus­gleich für den Zeit­ver­lust cam­pie­ren wir direkt im Stadt­zen­trum mit Blick auf das Vybor­ger Schloss.

Tag 6 — Von Helsinki nach Vyborg

Obwohl uns die Bahn­mit­ar­bei­ter in Hel­sinki in den Vor­ta­gen in inten­si­ven und lan­gen Dis­kus­sio­nen von unse­rem Vor­ha­ben abbrin­gen woll­ten, mit dem Las­ten­fahr­rad per Eisen­bahn Rich­tung rus­si­scher Grenze zu fah­ren, fin­den wir heute im Zug sehr schnell einen pas­sen­den Abstell­platz für das Fahr­rad. Nach kur­zer Rück­spra­che mit dem Schaff­ner stel­len wir das Rad in den Zugangs­weg zum Mut­ter-Kind-Abteil. Da die­ser Weg sowohl für die Kin­der­wa­gen als auch Roll­stühle recht breit aus­ge­legt ist, behin­dert das Rad den Zugang zum Abteil nicht.

Wir fah­ren mit dem Zug bis Lap­pe­en­ranta und nach kur­zer Stadt­be­sich­ti­gung von hier aus mit dem Rad wei­ter Rich­tung Osten, Rich­tung rus­si­scher Grenze.

Auf dem Weg zur rus­si­schen Grenze fällt uns die schnell zuneh­mende, hohe Dichte rus­si­scher PKW im Stra­ßen­bild auf. Ebenso über­rascht uns vor der Grenze die Viel­zahl an Geschäf­ten und Super­märk­ten ent­lang der Straße, die sich mit ihrem Ange­bot direkt und aus­schließ­lich an rus­si­sche Kun­den wen­den. In die­sen Geschäf­ten ver­kau­fen Rus­sisch-Mut­ter­sprach­ler mit Arbeits­vi­sum für Finn­land aus­schließ­lich rus­sisch beschrif­tete Waren an Rus­sen. Die Kun­den zah­len mit roten und gel­ben Euro-Schei­nen und erwar­ten keine Cent-Mün­zen im Rück­geld. Finn­land als Bil­lig-Ein­kaufs­land für Rus­sen. Im Ver­gleich zu den End­ver­brau­cher­prei­sen in Deutsch­land sind die Preise in die­sen Super­märk­ten jedoch kei­nes­falls güns­tig. Es erscheint uns recht skur­ril, dass ein gro­ßer Teil der auf rus­sisch eti­ket­tier­ten Ware in Deutsch­land her­ge­stellt wird. Warum Rus­sen nach Finn­land fah­ren, um hier gezielt in Super­märk­ten zum Bei­spiel in Deutsch­land her­ge­stell­ten Buch­wei­zen oder gar in Deutsch­land her­ge­stellte Back­wa­ren zu kau­fen, erschließt sich uns vor Ort nicht. Die Mehr­heit der ange­bo­te­nen Waren wer­den auch in Russ­land her­ge­stellt und soll­ten ins­be­son­dere vor dem Hin­ter­grund der erst kürz­lich erfolg­ten Abwer­tung des Außen­werts des Rubels gegen­über dem Euro in Russ­land deut­lich preis­wer­ter zu erwer­ben sein als in Finn­land. Auf die­sen Umstand ange­spro­chen erklä­ren die Ver­käu­fer uns gegen­über aus der Ukraine zu stam­men und des­halb kei­nen Über­blick über die Preis­struk­tur von All­tags­wa­ren in Russ­land zu besit­zen.

Der Grenz­über­tritt mit dem Fahr­rad über den Grenz­über­gang Nui­ja­maa erweist sich als über­ra­schend pro­blem­los. Wider Erwar­ten wer­den wir nicht her­aus­ge­wun­ken und geson­dert inspi­ziert. Es stellt sich im Gegen­teil als schwie­rig her­aus, kon­krete Infor­ma­tio­nen über not­wen­dige Dekla­ra­tio­nen zur Ein- und Wie­der­aus­fuhr hoch­prei­si­ger Photo- und Video­tech­nik zu erhal­ten. Die rus­si­schen Zoll­be­diens­te­ten sind mit unse­ren dies­be­züg­li­chen Fra­gen sicht­bar über­for­dert. Ent­ge­gen der ein­deu­ti­gen und ein­schlä­gi­gen Infor­ma­tio­nen zu den dies­be­züg­li­chen Ein­fuhr- und Aus­fuhr­be­din­gun­gen in ihrem Schau­kas­ten sind die Uni­for­mier­ten der Mei­nung wir müss­ten für unsere Tech­nik keine Zoll­erklä­rung abge­ben. Da dies in den Vor­jah­ren bei gleich­lau­ten­den Aus­hän­gen jedoch anders gehand­habt wurde, bestehen wir dar­auf zumin­dest einen Teil unse­rer Tech­nik zu dekla­rie­ren. Die sehr spe­zi­el­len Erfah­run­gen an den ver­schie­de­nen rus­si­schen Grenz­über­gangs­stel­len in den 1990er und 2000er Jah­ren bre­chen sich in die­sem Zusam­men­hang im Unter­be­wusst­sein wohl noch Bahn. Lie­ber ein offi­zi­ell gestem­pel­tes Doku­ment zu viel, als eines zu wenig lau­tet hier das Motto aus der Erfah­rung der Ver­gan­gen­heit.

Da die Grenz­ab­fer­ti­gung auf­grund unse­res Wun­sches nach frei­wil­li­ger Zoll­de­kla­ra­tion deut­lich län­ger gedau­ert hat als geplant, schaf­fen wir es an die­sem Tag nicht mehr bis nach Vyborg und über­nach­ten des­halb auf hal­ber Stre­cke das erste Mal auf die­ser Reise im Zelt am Ufer des Sai­maa-Kanals.

Camping in Karelien
Cam­ping in Kare­lien

Tag 5 — Interviews in Helsinki

Nach dem Besuch ver­schie­de­ner Museen in Hel­sinki pro­bie­ren wir heute unser Glück direkt am Ort des his­to­ri­schen Ereig­nis­ses — wir besu­chen die Fin­lan­dia-Halle. Hier ver­su­chen wir mehr Infor­ma­tio­nen über die Kon­fe­renz über Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Europa in Erfah­rung zu brin­gen, als uns das am Vor­tag im fin­ni­schen Natio­nal­mu­seum und im Stadt­mu­seum Hel­sin­kis gelun­gen ist. Auch hier haben wir zu unse­rem Bedau­ern kei­nen Erfolg. Die Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter des Gebäu­des ver­ste­hen die Anlage als Ver­an­stal­tungs­ort und sich selbst als Dienst­leis­ter und haben kei­nen Bezug zur Geschichte des Ortes. Wir sol­len uns gege­be­nen­falls an Lokal­his­to­ri­ker wen­den.

Ebenso wenig Glück haben wir an der Uni­ver­si­tät Hel­sinki. Hier sind unsere Ansprech­part­ner im Urlaub.

Als Aus­gleich kom­men wir mit einer Reihe von Fin­nen ins Gespräch und kön­nen mehr über die Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen vor 1989 in Erfah­rung brin­gen. Nach Mei­nung unse­rer Gesprächs­part­ner war Finn­land bis 1989 eine weit­ge­hend geschlos­sene Gesell­schaft und wirt­schaft­lich stark von der Sowjet­union abhän­gig. Mit dem Zer­fall der Sowjet­union habe sich diese Situa­tion stark gewan­delt. Ohne den poli­tisch star­ken Nach­barn im Osten hätte sich Finn­land wirt­schaft­lich gegen­über den Mit­glieds­län­dern der Euro­päi­schen Union ver­stärkt öff­nen und der Euro­päi­schen Union letzt­end­lich 1994 bei­tre­ten kön­nen. Diese wirt­schaft­li­che Öff­nung und Inte­gra­tion in den bis dahin aus­schließ­lich west­eu­ro­päi­schen Staa­ten­bund hätte zu einer Öff­nung der fin­ni­schen Gesell­schaft und zu einer weit­rei­chen­den Inte­gra­tion die­ser in die Welt­wirt­schaft geführt. In Anbe­tracht der aktu­el­len poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen in der Ukraine stiege jedoch die Angst vor einer erneu­ten Ein­fluss­nahme und Abhän­gig­keit Finn­lands von Russ­land, wes­halb eine Reihe ent­schei­den­der Poli­ti­ker in Finn­land den Bei­tritt des Lan­des zur NATO pro­pa­gie­ren.

In den Augen unse­rer Gesprächs­part­ner ist der Zer­fall der Sowjet­union und die die­sen Zer­falls­pro­zess beglei­tende Öff­nung der Gren­zen in Ost­eu­ropa ambi­va­lent. Auf der einen Seite sei mit der Auf­lö­sung der Sowjet­union ein star­ker und in Bezug auf Ver­trags­ge­stal­tun­gen und ‑erfül­lun­gen star­ker Part­ner von der poli­ti­schen Bühne ver­schwun­den. Auf der ande­ren Seite hätte die Öff­nung der Gren­zen zu den Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­union den fin­ni­schen Unter­neh­men jedoch eine Reihe von Hand­lungs­op­tio­nen eröff­net, die diese in den letz­ten 25 Jah­ren oft­mals erfolg­reich haben nut­zen kön­nen. Mit dem stei­gen­den Wohl­stand als Folge ver­stärk­ter wirt­schaft­li­cher Koope­ra­tion seien auch eine Reihe von Kon­flik­ten in den Hin­ter­grund getre­ten, wes­halb die Öff­nung der Gren­zen von unse­ren Gesprächs­part­nern als durch­weg posi­tiv bewer­tet wird.

Zu unse­rer erneu­ten Ver­wun­de­rung wird auch auch von die­sen Inter­view­part­nern keine Ver­bin­dung zwi­schen der poli­ti­schen Ord­nung des Nach­kriegs­eu­ro­pas im Rah­men der Kon­fe­renz über Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Europa und der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Inte­gra­tion des Kon­ti­nents nach 1990 gezo­gen. Der Pro­zess der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Tran­si­tion der ehe­ma­li­gen Plan­wirt­schaf­ten Mit­tel- und Ost­eu­ro­pas wird von unse­ren Gesprächs­part­ner als völ­lig iso­liert und abge­kop­pelt von vor­her­ge­hen­den poli­ti­schen Ereig­nis­sen und Pro­zes­sen bewer­tet.

 

 

Tag 4 — Museen in Helsinki

Nach der Stadt­rund­fahrt mit den Fahr­rä­dern am Vor­tag besu­chen wir heute die für unser Pro­jekt rele­van­ten Museen. Zu unse­rer Über­ra­schung wid­met das fin­ni­sche Natio­nal­mu­seum dem Win­ter­krieg, dem Fort­set­zungs­krieg und dem Lapp­land­krieg zusam­men nur eine halbe Schau­vi­trine. Ohne Hin­ter­grund­in­for­ma­tion wer­den diese Kriege nur in Form zweier aus­ge­stell­ter Uni­for­men the­ma­ti­siert. Im Ver­gleich zur Zeit die­ser Kriege zwi­schen 1939 und 1945 wird der drei­mo­na­tige Bür­ger­krieg von 1918 mit einem eige­nen Aus­stel­lungs­saal gera­dezu erschöp­fend dar­ge­stellt. Die Muse­ums­mit­ar­bei­ter ver­wei­sen uns an das Mili­tär­mu­seum, wel­ches aus deren Per­spek­tive die Betei­li­gung Finn­lands am Zwei­ten Welt­krieg aus­führ­li­cher behan­deln soll.

Das Stadt­mu­seum ist in Hin­blick auf Infor­ma­tio­nen für unser Pro­jekt ebenso ent­täu­schend wie das Natio­nal­mu­seum. Weder im Stadt­mu­seum noch im Natio­nal­mu­seum kön­nen wir nähere Details zur Kon­fe­renz über Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Europa in Erfah­rung brin­gen. Das Thema scheint für fin­ni­sche His­to­ri­ker der­zeit kom­plett unin­ter­es­sant zu sein bezie­hungs­weise wird aus unse­rer Sicht von die­sen His­to­ri­kern in sei­ner Bedeu­tung für die poli­ti­sche Ent­wick­lung in Europa nach 1975 völ­lig ver­kannt und unter­schätzt. Für die Fin­nen, mit wel­chen wir über diese Kon­fe­renz bis­lang gespro­chen haben, hat diese Kon­fe­renz kei­ner­lei Bedeu­tung, weder für Finn­land, noch Europa oder gar ihr jewei­li­ges eige­nen Leben. Für uns ist dies eine Über­ra­schung, da wir dies­be­züg­lich etwas ande­res erwar­tet haben. Denn es ist doch gerade diese Kon­fe­renz, die den viel­zäh­li­gen oppo­si­tio­nel­len Grup­pen in den real­so­zia­lis­ti­schen Län­dern eine recht­li­che Argu­men­ta­ti­ons­grund­lage gege­ben und damit das Ende der Ein­par­tei­en­herr­schaf­ten in Mit­tel- und Ost­eu­ropa ein­ge­lei­tet hat. Erst als Folge die­ses poli­ti­schen Wan­dels und der dadurch aus­ge­lös­ten Auf­lö­sung der Sowjet­union konnte sich Finn­land dem poli­ti­schen Ein­fluss aus Mos­kau ent­zie­hen und die Poli­tik der Finn­lan­di­sie­rung been­den.

Am Abend errei­chen wir nach erneu­ter lang­wie­ri­ger Dis­kus­sion, dass uns die Bahn­mit­ar­bei­te­rin zwei Fahr­kar­ten für uns und unsere Fahr­rä­der ver­kauft. Dies tut sie jedoch nicht, ohne zuvor meh­rere andere Mit­ar­bei­ter und Vor­ge­setzte zu infor­mie­ren und zu befra­gen, ob sie uns für das Las­ten­fahr­rad eine Fahr­karte ver­kau­fen darf. Nach ein­hel­li­ger Mei­nung dürfte sie es nicht, wir sol­len jedoch nach Beleh­rung über die ein­schlä­gi­gen Trans­port­be­din­gun­gen unser Glück ver­su­chen und uns mit dem Schaff­ner ver­stän­di­gen. Da das Las­ten­fahr­rad phy­sisch nicht in die Zug­gar­ni­tur der von uns bis dato prä­fe­rier­ten Rela­tion passt, müs­sen wir unsere Rei­se­route etwas ändern. Wir kom­men des­halb nicht am Som­mer­häus­chen des rus­si­schen Zaren in der Nähe von Kotka vor­bei, son­dern müs­sen mit dem Fahr­rad eine nörd­li­cher gele­gene Route nach Vyborg  wäh­len.

 

Tag 3 — Stadtrundfahrt in Helsinki und Bahnfahrtkarten

Nach Ankunft der Fähre in Hel­sinki gilt es zuerst einige Kilo­me­ter vom Ter­mi­nal in die Innen­stadt zu radeln, wo wir unse­ren Gast­ge­ber für die nächs­ten drei Tage tref­fen. Mit die­sem zusam­men erkun­den wir im Anschluss mit dem Rad die Stadt und machen uns mit den ört­li­chen Gege­ben­hei­ten ver­traut. Das Wet­ter ist für diese erste Rund­fahrt zu den Sehens­wür­dig­kei­ten Hel­sin­kis bes­tens geeig­net. Schöns­tes Tou­ris­ten­wet­ter für Post­kar­ten­mo­tive.

Da wir in drei Tagen mit dem Zug von Hel­sinki bis in die Nähe der rus­si­schen Grenze fah­ren möch­ten um Zeit zu spa­ren, füh­len wir am Abend am Bahn­hof vor, ob und wenn ja in wel­che Zug­gar­ni­tu­ren unse­rer Las­ten­rad passt. Diese Son­die­rung vor Ort ist ernüch­ternd. Obwohl es in Hel­sinki ein sehr gut aus­ge­bau­tes Netz an Fahr­rad­we­gen gibt, ist das rol­lende Mate­rial in Finn­land nicht auf eine grö­ßere Anzahl von Rad­fah­rern im Zug ange­passt. Es gibt zwar in jedem Zug 2–3 Stell­plätze für Fahr­rä­der, diese Plätze sind jedoch schwer zugäng­lich und bes­ten­falls für leichte Sport­rä­der geeig­net.

Die Frage nach einer Mit­nah­me­mög­lich­keit unse­res Las­ten­des in einem Zug über­for­dert die Ange­stell­ten der fin­ni­schen Bahn sicht­lich. Nach zähen Ver­hand­lun­gen schaf­fen wir es, die Schal­ter­be­diens­tete zu einer unver­bind­li­chen Reser­vie­rung von zwei Fahr­rad­kar­ten für den geplan­ten Abfahrt­tag zu über­re­den. In Hin­blick auf die Größe des Las­ten­ra­des ver­weist sie mehr­fach auf Rege­lun­gen zur Fahr­rad­mit­nahme in fin­ni­schen Zügen und macht dabei deut­lich, dass die­ses Rad nicht mit­ge­nom­men wer­den könne. Wir sol­len einen Ser­vice anru­fen und uns dort nach Trans­port­mög­lich­kei­ten für das Rad erkun­di­gen. Wir ver­spre­chen dies zu tun und mit der Aus­kunft in der Hand am nächs­ten Tag wie­der­zu­kom­men.

Tag 2 — Überfahrt von Deutschland nach Finnland

An die­sem zwei­ten Tag unse­rer Reise kann man nicht so viel tun. Die Mög­lich­kei­ten auf der Fähre von Tra­ve­münde nach Hel­sinki sind beschränkt. Der Zugang zu den Rädern auf dem Park­deck für Autos ist blo­ckiert und der Bewe­gungs­raum für die Pas­sa­giere auf dem Schiff sehr über­sicht­lich. Ein Inter­net-Zugang exis­tiert, ist sogar kos­ten­los, dafür aber so lang­sam, dass er de facto unbrauch­bar ist. Wir kön­nen des­halb aus­schla­fen.

Den Rest des Tages schla­gen wir mit Sauna und Akku­mu­la­tor-Laden tot.

Zimmer mit Ausblick aufs Meer
Zim­mer mit Aus­blick aufs Meer