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Tag 36 — Kaliningrad

Schon nach den ers­ten Kilo­me­tern in Kali­nin­grad ver­fes­tigt sich bei uns die Über­zeu­gung, dass in der Sowjet­union und auch in der heu­ti­gen Rus­si­schen Föde­ra­tion die bei­den Dis­zi­pli­nen Stadt­pla­nung und Ver­kehrs­pla­nung gegen­ein­an­der kon­kur­rie­ren. Mit jedem Pro­jekt schei­nen die Ver­tre­ter der einen Dis­zi­plin den Ver­tre­tern der ande­ren Fach­rich­tung ihren Wil­len auf­zwin­gen zu wol­len. Koste es was es wolle und unge­ach­tet der Kon­se­quen­zen für die Men­schen.

Anders ist es kaum zu erklä­ren, dass zum Bei­spiel in der Mitte einer vier­spu­ri­gen Trasse neue Häu­ser errich­tet wer­den kön­nen, wel­che dann vom Ver­kehr rechts und links ein­spu­rig umflos­sen wer­den. Um das Hin­der­nis in der Mitte der Straße zu umfah­ren, müs­sen die Fahr­zeuge natür­lich vor­her noch Stra­ßen­bahn­gleise que­ren, um hin­ter dem Hin­der­nis erneut über selbe auf die alte Stra­ßen­füh­rung zurück zu kom­men. Wem die täg­li­chen Gefah­ren des Lebens nicht genü­gen, der baut sich und sei­nen Mit­men­schen eben künst­lich neue…

Am Ende des Tages sind wir vom ers­ten Ein­druck den die Stadt hin­ter­lässt sehr über­rascht. Zum einen erscheint die Hoff­nung etli­cher Ein­woh­ner der Stadt reich­lich naiv, dass in weni­gen Jah­ren das Kali­nin­gra­der Gebiet wie­der deut­sches Staats­ge­biet wird. Zum ande­ren über­ra­schen die selbst für sowje­ti­sche Ver­hält­nisse chao­ti­schen Arte­fakte stadt­pla­ne­ri­scher Tätig­keit. Zum Teil ist Bau­sub­stanz aus der Vor­kriegs­zeit bei der Neu­be­bau­ung von Kriegs­bra­chen berück­sich­tig wor­den, zum Teil schei­nen die Ent­schei­dungs­trä­ger will­kür­lich Typen­bau­ten in ein Flur­stück ein­ge­passt zu haben, ohne den umge­ben­den Raum bei der Pla­nung zu berück­sich­ti­gen. Als Schich­tung kann man das wohl kaum mehr bezeich­nen. Was für eine geschun­dene Stadt. Erst die Kriegs­schä­den, dann die allem Anschein nach weit­ge­hend kon­zept­lose Neu­be­bau­ung, ohne Rück­sicht auf die Men­schen, die in die­sem Chaos woh­nen müs­sen.

Wir wer­den im Stadt­mu­seum nach­fra­gen, wer für die Stadt­pla­nung nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­ant­wort­lich war und in wel­chen Pha­sen der Wie­der­auf­bau der Stadt erfolgt ist.

Tag 13 — Abschied von St. Petersburg

Den letz­ten Tag in Sankt Peters­burg möch­ten wir natür­lich so gol­den wie mög­lich gestal­ten. Des­halb fah­ren wir von Peters­burg nach Peter­hof, dem rus­si­schen Ver­sailles, und wer­den mit unse­ren Erwar­tun­gen nicht ent­täuscht.

In mehr­fa­cher Hin­sicht ist die Anlage auch ein Grenz­land. Von Peter I. gegrün­det, ließ ins­be­son­dere die deutsch­stäm­mige Katha­rina die Große die Anlage nach dem Vor­bild fran­zö­si­scher Paläste von euro­päi­schen Archi­tek­ten und Hand­wer­kern aus­bauen. Der Kom­plex reprä­sen­tiert des­halb ist bes­ter Form eine Mischung euro­päi­scher Kul­tu­ren.

ein Bullitt in Peterhof
manch­mal sind die klei­nen Dinge, die Auf­merk­sam­keit erre­gen… 😉

Tag 8 — Von Vyborg nach Primorsk

Da wir uns auf expli­zite Nach­frage bei der Ein­reise für unse­ren Auf­ent­halt in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion regis­trie­ren las­sen müs­sen, möch­ten wir dies vor unse­rer Abfahrt aus Vyborg auch tun. Die nächste Gele­gen­heit für eine Regis­trie­rung wäre erst wie­der in Sankt Peters­burg und dies wäre nach Aus­sage der rus­si­schen Gren­zer zeit­lich zu spät nach der Ein­reise. Also machen wir uns in Vyborg auf die Suche nach der zustän­di­gen Migra­ti­ons­be­hörde. Wer sollte die Adresse die­ser Ein­rich­tung bes­ser ken­nen als die lokale Poli­zei? Diese scheint zumin­dest in die­sem Punkt nicht bes­ser zu sein als ihr Ruf. Die Wache wim­melt uns ab und hat noch nicht ein­mal einen Stift und Papier, damit wir uns zumin­dest die Adresse notie­ren kön­nen, an wel­che wir ver­wie­sen wer­den.

Die Poli­zis­ten vor der Wache sind auch nicht bes­ser infor­miert als die Kol­le­gen im Inne­ren der Dienst­stelle. Zumin­dest haben sie Stift und Papier, so dass wir uns die Adresse auf­schrei­ben kön­nen, zu wel­cher wir mit unse­rem Anlie­gen erneut ver­wie­sen wer­den.

In der loka­len Dienst­stelle der Migra­ti­ons­be­hörde in Vyborg ist der aktu­elle Kon­flikt in der Ukraine voll prä­sent. Vor und ins­be­son­dere in der Behörde drän­gen sich die Men­schen, um an Stem­pel, Geneh­mi­gun­gen oder sons­tige offi­zi­el­len Doku­mente zu gelan­gen. Ent­spre­chend gering ist die Bereit­schaft der Bediens­te­ten, sich mit dem für Vyborg sicher­lich sel­ten vor­kom­men­den Son­der­fall eines Rad­rei­sen­den aus West­eu­ropa zu beschäf­ti­gen. Nach eini­gen frucht­lo­sen Anläu­fen einen Ansprech­part­ner zu fin­den und aus die­sem die rele­van­ten Infor­ma­tio­nen für den Regis­trie­rungs­pro­zeß zu extra­hie­ren, gehen wir zum Dienst­stel­len­lei­ter. Der hat zufäl­lig Sprech­stunde und des­halb ein paar Minu­ten für uns Zeit. Ergeb­nis des Gesprä­ches: Wir kön­nen ohne Regis­trie­rung wei­ter­fah­ren, da eine sol­che erst nach einem Auf­ent­halt von mehr als 7 Werk­ta­gen der Migra­ti­ons­be­hörde an einem Ort ver­langt wird. Da wir nicht vor­ha­ben an einem Ort län­ger als 7 Werk­tage + die dazwi­schen­lie­gen­den Wochen­en­den zu blei­ben, neh­men wir den Dienst­stel­len­lei­ter beim Wort und ver­ab­schie­den uns ohne Regis­trie­rung aus Vyborg.

Auf­grund der mit dem Regis­trie­rungs­ge­ha­dere ver­bun­de­nen Zeit­ver­lust schaf­fen wir lei­der unser Tages­soll nicht und über­nach­ten am Strand in Pri­morsk.

Tag 6 — Von Helsinki nach Vyborg

Obwohl uns die Bahn­mit­ar­bei­ter in Hel­sinki in den Vor­ta­gen in inten­si­ven und lan­gen Dis­kus­sio­nen von unse­rem Vor­ha­ben abbrin­gen woll­ten, mit dem Las­ten­fahr­rad per Eisen­bahn Rich­tung rus­si­scher Grenze zu fah­ren, fin­den wir heute im Zug sehr schnell einen pas­sen­den Abstell­platz für das Fahr­rad. Nach kur­zer Rück­spra­che mit dem Schaff­ner stel­len wir das Rad in den Zugangs­weg zum Mut­ter-Kind-Abteil. Da die­ser Weg sowohl für die Kin­der­wa­gen als auch Roll­stühle recht breit aus­ge­legt ist, behin­dert das Rad den Zugang zum Abteil nicht.

Wir fah­ren mit dem Zug bis Lap­pe­en­ranta und nach kur­zer Stadt­be­sich­ti­gung von hier aus mit dem Rad wei­ter Rich­tung Osten, Rich­tung rus­si­scher Grenze.

Auf dem Weg zur rus­si­schen Grenze fällt uns die schnell zuneh­mende, hohe Dichte rus­si­scher PKW im Stra­ßen­bild auf. Ebenso über­rascht uns vor der Grenze die Viel­zahl an Geschäf­ten und Super­märk­ten ent­lang der Straße, die sich mit ihrem Ange­bot direkt und aus­schließ­lich an rus­si­sche Kun­den wen­den. In die­sen Geschäf­ten ver­kau­fen Rus­sisch-Mut­ter­sprach­ler mit Arbeits­vi­sum für Finn­land aus­schließ­lich rus­sisch beschrif­tete Waren an Rus­sen. Die Kun­den zah­len mit roten und gel­ben Euro-Schei­nen und erwar­ten keine Cent-Mün­zen im Rück­geld. Finn­land als Bil­lig-Ein­kaufs­land für Rus­sen. Im Ver­gleich zu den End­ver­brau­cher­prei­sen in Deutsch­land sind die Preise in die­sen Super­märk­ten jedoch kei­nes­falls güns­tig. Es erscheint uns recht skur­ril, dass ein gro­ßer Teil der auf rus­sisch eti­ket­tier­ten Ware in Deutsch­land her­ge­stellt wird. Warum Rus­sen nach Finn­land fah­ren, um hier gezielt in Super­märk­ten zum Bei­spiel in Deutsch­land her­ge­stell­ten Buch­wei­zen oder gar in Deutsch­land her­ge­stellte Back­wa­ren zu kau­fen, erschließt sich uns vor Ort nicht. Die Mehr­heit der ange­bo­te­nen Waren wer­den auch in Russ­land her­ge­stellt und soll­ten ins­be­son­dere vor dem Hin­ter­grund der erst kürz­lich erfolg­ten Abwer­tung des Außen­werts des Rubels gegen­über dem Euro in Russ­land deut­lich preis­wer­ter zu erwer­ben sein als in Finn­land. Auf die­sen Umstand ange­spro­chen erklä­ren die Ver­käu­fer uns gegen­über aus der Ukraine zu stam­men und des­halb kei­nen Über­blick über die Preis­struk­tur von All­tags­wa­ren in Russ­land zu besit­zen.

Der Grenz­über­tritt mit dem Fahr­rad über den Grenz­über­gang Nui­ja­maa erweist sich als über­ra­schend pro­blem­los. Wider Erwar­ten wer­den wir nicht her­aus­ge­wun­ken und geson­dert inspi­ziert. Es stellt sich im Gegen­teil als schwie­rig her­aus, kon­krete Infor­ma­tio­nen über not­wen­dige Dekla­ra­tio­nen zur Ein- und Wie­der­aus­fuhr hoch­prei­si­ger Photo- und Video­tech­nik zu erhal­ten. Die rus­si­schen Zoll­be­diens­te­ten sind mit unse­ren dies­be­züg­li­chen Fra­gen sicht­bar über­for­dert. Ent­ge­gen der ein­deu­ti­gen und ein­schlä­gi­gen Infor­ma­tio­nen zu den dies­be­züg­li­chen Ein­fuhr- und Aus­fuhr­be­din­gun­gen in ihrem Schau­kas­ten sind die Uni­for­mier­ten der Mei­nung wir müss­ten für unsere Tech­nik keine Zoll­erklä­rung abge­ben. Da dies in den Vor­jah­ren bei gleich­lau­ten­den Aus­hän­gen jedoch anders gehand­habt wurde, bestehen wir dar­auf zumin­dest einen Teil unse­rer Tech­nik zu dekla­rie­ren. Die sehr spe­zi­el­len Erfah­run­gen an den ver­schie­de­nen rus­si­schen Grenz­über­gangs­stel­len in den 1990er und 2000er Jah­ren bre­chen sich in die­sem Zusam­men­hang im Unter­be­wusst­sein wohl noch Bahn. Lie­ber ein offi­zi­ell gestem­pel­tes Doku­ment zu viel, als eines zu wenig lau­tet hier das Motto aus der Erfah­rung der Ver­gan­gen­heit.

Da die Grenz­ab­fer­ti­gung auf­grund unse­res Wun­sches nach frei­wil­li­ger Zoll­de­kla­ra­tion deut­lich län­ger gedau­ert hat als geplant, schaf­fen wir es an die­sem Tag nicht mehr bis nach Vyborg und über­nach­ten des­halb auf hal­ber Stre­cke das erste Mal auf die­ser Reise im Zelt am Ufer des Sai­maa-Kanals.

Camping in Karelien
Cam­ping in Kare­lien