Paradoxa

Viele Äuße­run­gen von Spit­zen­po­li­ti­kern, hoch­ran­gi­gen Medi­en­ver­tre­tern aber auch pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter der Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten wer­den von die­sen selbst und ihren Adres­sa­ten als gesi­cherte Erkennt­nisse auf­ge­fasst und als sol­che behan­delt.
Schaut man jedoch etwas genauer auf diese Wort­mel­dun­gen und die ihnen zugrun­de­lie­gen­den Modelle, so wird schnell offen­bar, auf wel­chen zum Teil abstru­sen Annah­men die Argu­men­ta­tio­nen die­ser pro­mi­nen­ten Wort­füh­rer auf­set­zen. Einige die­ser sich aus den Annah­men erge­ben­den Wider­sprü­che sol­len hier in unstruk­tu­rier­ter und unkom­men­tier­ter Form bei­spiel­haft dar­ge­stellt werden.

  1. Faßt man die ver­schie­de­nen Ursa­chen­for­schun­gen und Erklä­run­gen zur Ent­ste­hung und Ent­wick­lung sowohl des Faschis­mus als auch der Par­tei­en­dik­ta­tu­ren in Europa im 20. Jahr­hun­dert zusam­men, so ergibt sich fol­gen­des Bild:
    — pro­fi­tiert haben die Eli­ten
    — orga­ni­siert haben es die Büro­kra­ten
    — die Min­der­hei­ten unter­drückt und die Dis­si­den­ten ermor­det hat die Geheim­po­li­zei
    — aber die Schuld an der Dik­ta­tur, die trägt das Volk. Weil es sich ent­we­der nicht gegen die Dik­ta­tur auf­ge­lehnt, son­dern mit die­ser gemein gemacht hätte oder weil es die Dik­ta­to­ren erst ins Amt gehievt hätte.
  2. Auch wenn sich ein Arzt über Jahr­zehnte hin­weg tag­täg­lich mit medi­zi­ni­schen Fach­fra­gen beschäf­tigt, so kann er unge­ach­tet sei­nes Fach­wis­sens und sei­ner berufs­be­ding­ten Erfah­rung nicht vor­her­sa­gen, ob jemand in sei­nem Leben an Krebs erkran­ken wird oder nicht. Kaum jemand erwar­tet auch eine sol­che Aus­sage von einem Arzt.
    Bei Öko­no­men wird jedoch ange­nom­men und erwar­tet, dass diese auf Basis abs­trak­ter Modelle die Zukunft exakt vor­her­se­hen kön­nen. Wenn Para­me­ter P steigt /​gleich bleibt /​sinkt, dann kor­re­liert unter Annahme von A und B in Modell M in Zeit­ein­heit T Ziel­größe Z mit dem Para­me­ter P in der Weise W.
    Öko­no­men imi­tie­ren mit der Über­nahme von Ver­satz­stü­cken aus den Natur­wis­sen­schaf­ten eine Wis­sen­schaft­lich­keit, die sie in Erman­ge­lung prä­zi­ser Mess­ver­fah­ren und dis­kre­ter Ver­suchs­auf­bau­ten nicht errei­chen kön­nen. Denn ebenso wie den Medi­zi­nern fehlt den Öko­no­men die Mög­lich­keit der Wie­der­hol­bar­keit von Expe­ri­men­ten am leben­den Orga­nis­mus unter Aus­schluss mess­ergeb­nis­be­ein­flus­sen­der Fak­to­ren. So wie der Orga­nis­mus eines Pati­en­ten nach einer fehl­ge­schla­ge­nen The­ra­pie nicht wie­der auf den Aus­gangs­zu­stand vor der The­ra­pie zurück­ge­setzt wer­den kann, kann auch eine Gesell­schaft nicht wie­der auf den Aus­gangs­punkt zurück­ge­setzt wer­den, wenn ein volks­wirt­schaft­li­ches Reform­pro­gramm nicht den gewünsch­ten Erfolg gezeigt hat.
  3. Im Kon­text der Bewer­tun­gen der zwi­schen 1917 und 1990 sozia­lis­tisch ver­faß­ten Gesell­schaf­ten Mit­tel- und Ost­eu­ro­pas ist bei vie­len Politik‑, Sozial- und Geschichts­wis­sen­schaft­lern die Beschrei­bung der Wirt­schaft die­ser Län­der als „Staats­ka­pi­ta­lis­mus” popu­lär.
    Diese Cha­rak­te­ri­sie­rung ist wenig über­zeu­gend.
    Wenn der Staat Eigen­tü­mer aller Pro­duk­ti­ons­mit­tel ist und im Sinne der Idee eines „Staats­ka­pi­ta­lis­mus” die Funk­tion eines „Kapi­ta­lis­ten” inne hat, dann kann er sowohl über das Gewalt­mo­no­pol als auch die Lohn­ab­hän­gig­keit der für den Staat arbei­ten­den Arbeits­kräfte die­sen den Mehr­wert ihrer Arbeit abpres­sen.
    Das Abpres­sen des Mehr­wer­tes der Arbeit und die Akku­mu­la­tion die­ses Kapi­tals exklu­siv beim Staat, das heißt der Aus­schluss Drit­ter von der Nut­zung die­ses Mehr­wer­tes, ist jedoch für den Staat kom­plett wider­sin­nig. Denn der Staat hat weder eine Per­sön­lich­keit (wie ein den Mehr­wert Drit­ter kon­su­mie­ren­der und akku­mu­lie­ren­der Kapi­ta­list) noch einen wie auch immer gear­te­ten Vor­teil von der Hor­tung des abge­press­ten Mehr­wer­tes der Arbeit. Die beim Staat akku­mu­lier­ten Res­sour­cen wür­den ein­fach nur ver­fal­len, wenn sie nicht von den Ein­woh­nern des Staa­tes genutzt wer­den könn­ten.
    Aus der Sicht eines Staa­tes als Eigen­tü­mer aller Pro­duk­ti­ons­mit­tel ist es wider­sin­nig die Pro­duk­ti­ons­kos­ten mit­tels Arbeits­platz­re­duk­tion, Miss­ach­tung von Schutz­vor­schrif­ten für Arbeits­kräfte und Umwelt, durch Ver­la­ge­rung der Pro­duk­tion ins Aus­land oder Auto­ma­ti­sie­rung zu sen­ken, nur um den Mehr­wert ein­sei­tig zu akku­mu­lie­ren und anschlie­ßend ver­fal­len zu las­sen.
    Anders sieht die Betrach­tung aus, wenn sich deut­lich abgrenz­bare Grup­pen des Instru­men­tes Staat bedie­nen könn­ten, um sich den Mehr­wert und /​oder die Ent­schei­dung über des­sen Ver­tei­lung anzu­eig­nen. Sol­che Mit­glie­der einer Nomen­kla­tura sind jedoch weder rechts- noch funk­ti­ons­iden­tisch mit dem Staat, sie nut­zen die­sen nur, um im eige­nen Par­ti­ku­lar­in­ter­esse kapi­ta­lis­tisch zu agie­ren. Das Aus­nut­zen des Instru­men­tes Staat durch eine Gruppe kapi­ta­lis­tisch han­deln­der Akteure macht jedoch weder den Staat zu einem Kapi­ta­lis­ten noch eine Volks­wirt­schaft zu einer staatskapitalistischen.
  4. In der Päd­ago­gik wird pos­tu­liert, dass die beste Kin­der­er­zie­hung eine sol­che sei, bei wel­cher gute, vor­ge­lebte und glaub­wür­dige Ver­hal­tens­wei­sen der Erwach­se­nen ein lebens­lan­ges selbst­re­flek­tier­tes Ver­hal­ten bei den Kin­dern för­dern.
    Sowohl in der „freien Wirt­schaft” als auch in der Poli­tik wer­den jedoch Ver­hal­tens­mus­ter als „erfolg­reich” und „vor­bild­haft” bewer­tet, wel­che sich gegen­über kon­kur­rie­ren­den Ver­hal­tens­wei­sen durch­set­zen kön­nen.
    Es grenzt an Schi­zo­phre­nie, wenn eine Domi­nanz von Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen über Gemein­wohl in der Wirt­schaft und Poli­tik posi­tiv bewer­tet wird, gleich­zei­tig jedoch der Ver­lust an Empa­thie und Gemein­sinn in der Gesell­schaft beklagt wird.
  5. Sol­len Unter­neh­men neuen Umwelt­schutz­auf­la­gen unter­wor­fen wer­den, so kenn­zeich­nen Öko­no­men sol­che Maß­nah­men wie­der­keh­rend als „Markt­ver­zer­run­gen”.
    Gera­ten Unter­neh­men jedoch in wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten und pro­fi­tie­ren von staat­li­chen Stütz­käu­fen, dann spre­chen die glei­chen Öko­no­men von „Liqui­di­täts­si­che­rung” und „Markt­sta­bi­li­sie­rung”.