Gefahr und Sicherheit sind relative BegriffeWenn ich von meinen Reisen erzähle, ist eine der häufigsten Reaktion meiner Mitmenschen: Aber ist es nicht sehr gefährlich, so ganz alleine in diesen Ländern?! Dabei beziehen sie sich mit ihrer Frage zumeist auf Pressemeldungen oder Stereotype über die Struktur und die Arbeitsweisen des Staatswesen und hier insbesondere der staatstragenden Institutionen wie Polizei und anderer Sicherheitsdienste jener Länder. Meine Antwort hierauf überrascht dann viele: Nein, ist es nicht. Jedenfalls nicht im Sinne der Frage. Die Gefahr des Reisens liegt nicht in der ökonomischen oder gesellschaftlichen Situation des Reiselandes, sondern in der Wahl der Transportmittel durch dieses.
Die Sicherheits- und Verwaltungsorgane gerade solcher Staaten, welche in den sogenannten demokratischen Ländern als undemokratisch bezeichnet werden, achten meiner Erfahrung nach besonders stark darauf, daß den wenigen Ausländern im Land nichts Böses widerfährt und sind sehr darauf bedacht, entsprechende Pressemeldungen mit einer negativen Auswirkung auf die Reputation des Landes im Ausland zu vermeiden. Insbesondere Diktatoren achten sehr genau auf ihre Außenwirkung und versuchen zeit ihres Wirkens, ein positives Bild von sich und ihrem Staatswesen zu verbreiten. (Welch' bitter-böse Ironie: Die größten Schlächter in der Geschichte der Menschheit haben sich alle als Menschenfreunde und Väter des Volkes präsentiert und ihr Tun als Hilfe, Aufopferung und Dienst am Volke verkauft. Keiner dieser Tyrannen hat sich selbst als Hüter von Ordnung und Gesetz oder gar starken Mann der Macht präsentiert. Diese Attribute sind ihnen nur von außen zugeschrieben worden.)
Für das Reisen in solchen Ländern hat dieser Umstand gewisse Vorteile. Solange kaum ein Ausländer aus Angst um seine persönliche Sicherheit in ein solches Land reist bzw. kaum Ausländer für diese Staaten Reisegenehmigungen erhalten, werden die wenigen im Land anzutreffenden Ausländer als Exoten wahrgenommen. Vergleichbar mit einem rot angestrichenen Pferd werden diese Ausländer bestaunt, beobachtet und ziehen sie auf Schritt und Tritt eine gewisse Neugier und Aufmerksamkeit Dritter auf sich. Vor diesem Hintergrund traut sich niemand diese Exoten anzugreifen — weil dies unter den Augen vieler heimlicher und offener Beobachter passieren würde. Kriminelle in Zivil oder Uniform fürchten jedoch die Aufmerksamkeit und bevorzugen eine Tätigkeit im Verborgenen.
Nicht nur aus diesem Grund ist es in den meisten Ländern dieser Welt sehr viel gefährlicher am Straßenverkehr teilzunehmen, als sich in die sogenannten oder vermuteten Brennpunkte sozialer Instabilität, Kriminalität und Gewalt zu begeben. Weltweit sterben jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen an Folgen von Verkehrsunfällen bzw. werden in solchen schwer verletzt und verkrüppelt. Nur eine sehr viel kleinere Anzahl von Menschen wird im gleichen Zeitraum ermordet oder in gewaltsamen Auseinandersetzungen verletzt, verkrüppelt oder getötet. Systembedingt sind die meisten autokratisch oder diktatorisch verfaßten Staaten schwache Volkswirtschaften — mit entsprechenden Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit. Aktive wie passive Schutzmechanismen sind — wenn überhaupt — nur rudimentär vorhanden bzw. werden häufig nicht genutzt. Kommt es aufgrund schlechter Verkehrswege, alter und defekter Transportmittel sowie Bedienungsfehlern von schlecht ausgebildeten Fahrzeugführern zu Unfällen, so trägt das Fehlen eines gut entwickelten Gesundheitswesens zur Dramatik der Unfallfolgen nicht unwesentlich bei. Deshalb mache ich mir bei meinen Reisen viel mehr Sorgen um die Wahl des Transportmittels als um das Risiko, beraubt oder Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.
Das obige Bild zeigt eine solche — mehr oder weniger typische — Gefahrensituation. Mit hoher Geschwindigkeit setzte mein Chauffeur zum Überholen eines LKW an, obwohl durch den aufgewirbelten Staub zweier vorausfahrender Transporte die Sichtweite nur wenige Meter betrug. Weder konnte der Fahrer die Strecke des Überholweges einsehen, noch bestand eine Ausweichmöglichkeit im Falle eines unerwarteten Hindernisses. Alles geschah nach dem Motto: Je schneller man in einer Gefahrensituation fährt, desto schneller läßt man den Ort der Gefahr hinter sich. ;)
© Copyright 1995 — 2008 Götz Burggraf
Datei erstellt am: 07.10.2001 17:03 von: Götz Burggraf
Letzte Änderung am:
20.05.2008 3:12
von: Götz Burggraf
Die Datei entspricht den technischen Standards des World
Wide Web Consortiums (W3C) für valide XHTML- und CSS-Kodierung und
ist barrierearm gestaltet.